Was ist überhaupt ein Denkmal?

Ein Plädoyer für einen humanen und natürlichen Umgang mit dem kulturellen Erbe wie es unser Bagno und unsere Altstadt sind: persönlich, grundsätzlich-philosophisch und politisch-konkret (aber auch nicht unbedingt korrekt) wie man das von mir gewohnt sein sollte. (Nehmen Sie sich Zeit, es ist ein etwas längerer Text geworden.)

Was ist ein Denkmal? Ein Denkmal ist erst einmal ein Zeichen bzw. ein Zeichensystem. Und was ist ein Zeichen? Darüber setzten sich die Philosophen spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts heftig auseinander – und sie tun es bis heute. Die entsprechende philosophische Disziplin ist die Semiotik, zu der unter anderem der Philosoph Helmut Pape eine viel beachtete Fachliteratur beigetragen hat.

apollonAn der Tatsache, dass ein Denkmal ein Zeichen ist, erkennt man, wie sehr die Betrachtung von Denkmälern mit der Philosophie verbunden ist, ob man will oder nicht. Um  eine Arbeitsgrundlage zu haben – und mehr gibt es in der Philosophie selten –, könnte man sagen: Ein Zeichen hat drei Dimensionen. Erstens eine materielle Dimension (etwa die Tinte bzw. Steine), dann eine Art syntaktische Dimension, also einen Zusammenhang mit den anderen Zeichen, der Zeichenwelt insgesamt, und eine semantische, also eine Bedeutungsdimension. Diese ist natürlich beim Denkmal besonders interessant; denn sie muss vereinbart sein, um den Status eines Denkmals herzustellen.

Eine Blickrichtung, eine kaum sichtbare Struktur, eine Erderhebung, eine Vertiefung im Boden, eine signifikante Erdverfärbung, ein Weg, ein einzelner Stein, ein Holzbalken, ein Trümmerhaufen, ein Pfeil auf einer Außenwand, ein Gebäude oder gar ein Stadtteil – all das können Zeichen, ja sogar Denkmäler sein, sie müssen es aber nicht. Es kommt auf die zugeteilte (Be-) Deutung und die entsprechende Vereinbarung an. Es kommt darauf an, dass sich eine Gesellschaft,, eine Bevölkerung, ihre von ihnen gewählten Vertreter und letztlich die von der Politik beauftragten Mitarbeiter ihrer Verwaltung ein Bild – wiederum ein Zeichensystem – davon gemacht und sich mitgeteilt haben: Dies ist ein Denkmal; diese materiellen Erscheinungen entsprechen unserer Vorstellung von einem Denkmal u.s.w.
In Steinfurt wurde zu diesem Zweck vom Rat der Stadt eine Gestaltungssatzung für die Altstadt von Burgsteinfurt für verbindlich erklärt.
Die Vereinbarung, dass etwas Materielles, manchmal auch Immaterielles, ein Zeichen sei, wie es in die Zeichenwelt hineinpasse und welche Bedeutung es gewinne, vielleicht als Denkmal eines bestimmten schützenswerten Ranges, erfolgt üblicherweise in der Form einer Satzung oder einer Definition, die eben mitgeteilt, also möglichst umfassend kommuniziert werden muss. Oder diese Definition wurde seit alters her überliefert. Ein Gegenstand kann aber nur dann als Denkmal existieren, wenn zu einer materiellen, aus der Vergangenheit ererbten Manifestation die authentische Überlieferung, welche über deren geschichtliche Bedeutung belehrt, hinzutreten kann.“  Insofern sind Beschreibungen von Denkmälern und immer wieder neue, auch persönliche Gedanken darüber untrennbar mit der Existenz eines Denkmals verknüpft. Sonst verlieren sich seine Spuren, verwittern oder verkommen unbeachtet. Wenn eine Verwaltung allerdings keine Zeichen setzen will oder dazu wegen mangelnder Informationsbereitschaft oder- Fähigkeit nicht in der Lage ist, dann haben wir ein ernstes Problem. Wir haben es dann mit einer politisch zu verantwortenden bewußten Denkmalzerstörung zu tun.

DSC00016Nehmen wir als Beispiel Reste in der Erde. In Steinfurt gibt es einen häufig um Rat gebetenen  Stadtarchäologen, der sich z.B.  um Bodendenkmäler kümmert wenn innerhalb des ehemaligen Stadtmauerringes gebaut werden soll. Bei archäologischen Funden „handelt es sich um von Menschen gemachte Dinge, die immer auch als Ikon, eigenes Zeichen, Index, Symbol oder Verweis in komplexe Zeichensysteme integriert sind und denen wir durch Herstellung und Nutzung ihre Bedeutungen zuweisen“, schrieb erst jüngst eine Forscherin Marlies Heinz. Und das Potential der vielfältigen Bedeutungszuweisungen beinhalte eine „eminent wirkungsmächtige Rolle für das politische Handeln“.  Kein Wunder, dass „Terroristen“ – und darauf bezog sich Heinz – auch Kunstdenkmäler zerstören. Auch in Steinfurt geschehen Zerstörungen bewußt und absichtlich. Das muß man sich einmal klar machen! Ob die Begründung für diese Aktionen nun religiös, ideologisch oder rein materiell begründet sind, sollte unerheblich sein

Ich hatte Gelegenheit bei der Ausgrabung und dokumentarischen Sicherung der ältesten Spuren erster Besiedelung Burgsteinfurts anwesend zu sein. Liebevoll wurden ein Brunnen und die Grundmauern eines Steinhauses freigelegt, wie man das so macht mit Kelle und Staubpinsel. Brunnen1024_widthAm Nachmittag rollten die Baufahrzeuge an und warteten mit laufendem Motor auf die Freigabe des Baugrundes und den letzten Vermessungsarbeiten mit dem Lasergerät. Einmal Händeklatschen genügte und die Grundmauern des ersten steinernen Torwächterhauses von Burgsteinfurt lagen inmitten von Schutt und Abraum. An die Konservierung des Brunnens für ein zuvor noch versprochenes „archäologisches Fenster“ war nicht mehr zu denken. Da fragt man sich doch: Wer nimmt etwas als Denkmal wahr, wer definiert, wer diskutiert – vielleicht in der Politik – mal darüber und kommuniziert die Definition? So etwas wäre in Städten wie Köln, Nürnberg, Bamberg, München oder Hamburg undenkbar. Dort gilt ein mit einem archäologischen Fenster versehenes Objekt als Glücksfall und wirkt sich positiv auf den Wert einer Immobilie aus. In Stemmert ist das alles nur lästig und man hat die „Denkmalpflege im Gebälk“ sagt man, als ob es sowas wie ein Schwamm oder Schimmel wäre.

Nun  gibt es für die Denkmalpflege drei bis fünf Hauptakteure, die mehr ode rweniger zusammenspielen: 1. die amtliche, 2. die wissenschaftliche und 3. die ehrenamtliche Denkmalpflege, sowie private Hobbyhistoriker. Hinzu kommt 4. die öffentliche Meinung, vor allem die Presse, die sich nur sporadisch, oft divergierend oder widersprüchlich zu Wort meldet. Nicht zuletzt spielen 5. Investoren eine Rolle, letztere in Steinfurt die Hauptrolle, denn ohne Geld läuft eh nichts.

Die amtliche Denkmalpflege besteht im Wesentlichen aus der Unteren Denkmalschutzbehörde, die zur Stadtverwaltung gehört, und aus den Abteilungen des Kreises als übergeordneter Denkmalpflege. Hinzu kommt auf Bezirksebene der Landschftsverband Westfalen Lippe mit seinen Fachabteilungen. Eine höhere Instanz ist – aufgrund der Kulturhoheit der Bundesländer – im Falle eines Weltkulturerbes wie in Kassel Wilhelmshöhe noch die UNESCO, die aber nicht juristisch entscheiden kann. Die amtliche Denkmalpflege ist letztlich von der Politik dominiert, was oft zu Konflikten zwischen amtlichem oder personellem Sachverstand und politischen Interessen führt.

Die wissenschaftliche Denkmalpflege ist zwar den Universitäten zugeordnet, aber leider ist die Wissenschaft auch nicht mehr das, was sie früher einmal war. Der äußere Wissenschaftsbetrieb zeigt immer wieder Symptome einer Krise, wenn man zum Beispiel an Betrugsfälle bei Promotionen und das Karrierestreben der Wissenschaftler denkt. All das beeinträchtigt die Objektivität bei der Wahrheitssuche. Außerdem beruht wissenschaftliche Forschung bekanntlich auf dem Hinterfragen der bisherigen Theorien. Mit der Weiterentwicklung des Fachs Wissenschaftstheorie hat sich die Wissenschaft selbst so weitgehend hinterfragt, dass man kaum noch weiß, womit man es da eigentlich zu tun hat.

Man muss sich inzwischen mit „Projekten“ zufrieden geben, auch in der Denkmalpflege. Worauf diese am Ende hinauswollen oder sollen, kann kein Mensch sagen. „Zu welchem großen, auf Übereinstimmung beruhenden Gedankengebäude tragen diese Projekte eigentlich Bausteine zusammen?“

Trotzdem ist die Wissenschaft immer noch das Verlässlichste, was wir auf den Feldern der Erkenntnis, insbesondere im Gutachterwesen besitzen, sie ist immer noch überzeugender als halbseidene, nicht aufgeklärte Strömungen, die leicht in Pseudoreligionen oder Ideologien abdriften.

Freilich gibt es sogar einige sehr positive, ja vorbildliche Erscheinungen im heutigen Wissenschaftsbetrieb, in Deutschland zum Beispiel Hermann Parzinger, den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Er betreut zusammen mit seinen 2000 MitarbeiterInnen – darunter mehreren GeneraldirektorInnen – einen Denkmalschatz von weltweit unerhörtem Ausmaß.

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Neubelebung mit einer Brücke

Mein Traum für Steinfurt war und ist, unseren Bagno zum Teil wieder zu beleben. (Nicht wiederherzustellen, das wäre Geschichtsklittung.) – Daß soetwas möglich ist, zeigt ja z.B. die wiedererstandene Dresdner Frauenkirche oder das Projekt Berliner Sttadtschloss ganz deutlich.

Niemand sage sofort: Die Idee ist gut – aber das können „wir“ uns nicht leisten! – Man sollte sich wie immer zuerst vertieft zu der Idee Gedanken machen und dann die finanzielle Realisierung angehen. Vielleicht ermöglicht man zwischendurch einige dringend notwendige Wiederherstellungsarbeiten im Bagno mit Spendensammlungen und Stiftungsgeldern. Ausser der chinesischen Brücke würde auch die Grotte wieder aufgebaut werden müssen. Schon darum, weil sie seit der Unterschutzstellung noch nie gepflegt wurde!

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Das „Süße Brünnchen“ Foto: W. Lübbers

Die Grundmauern der Bagnokapelle müssen dringend erfasst und als (Boden)- denkmal gesichert werden. Oberirdisch kann man Lage und Kontur ja mit Steingabionen markieren, so wie das mit Burg Ascheberg auch geschehen ist. Auf der Ruineninsel wäre mindestens eine Bestandaufnahme der durch Fledermauskot entstandenen Schäden nötig und der Fontainenteich müsste untersucht und entschlammt werden. Im „Diogenes“ müssen alle Reste erfasst und gesichert werden.   u.V.m.

3wege-Wehr

Das 3-wege Stauwerk im sog. Diogenes. – Unentdeckte, unerforschte vielleicht sogar unbekannte Technik?

Schließlich gibt es nun, um auf die Akteure in der Denkmalpflege weiter einzugehen, Bürgerinnen und Bürger, denen die Denkmalpflege am Herzen liegt, weil sie selbst in einem alten Haus wohnen oder weil ihnen die alten Strukturen aus anderen Gründen wichtig sind. Viele lieben nun einmal das alte, so gewachsene Stemmert, was man auch psychologisch bzw. anthropologisch erklären mag. Sie sind deshalb ehrenamtlich für die Denkmalpflege tätig, als Vorstände oder Mitglieder eines Vereins, der sich vorrangig bzw. unter anderem um die Denkmal- oder Heimatpflege kümmert, in Steinfurt zum Beispiel um das Stadtmuseum oder das Heimathaus.

In anderen Städten wird ein Stadtrat zum Heimatpfleger berufen, dessen Tätigkeit zu einem großen Anteil mit Denkmalpflege zu tun hat. Manche ehrenamtliche  Denkmalpfleger gelten als „Träger öffentlicher Belange“, das heißt, sie müssen bei Veränderungen, die ein Denkmal oder eine Denkmal-Struktur betreffen, von amtlicher Seite zur Stellungnahme aufgefordert und gehört werden.BK_GM Auch in der öffentlichen Diskussion flammte das Thema Denkmalpflege in Steinfurt des Öfteren auf, vor allem dann, wenn ein Abriss drohte Bürger schrieben dann Leserbriefe oder Beiträge für die Zeitung, sie meldeten sich in Parteiversammlungen oder gingen zur Bürgersprechstunde bei Politikern oder zur Bürgrmeisterin, sie ergiffen bei Bürgerversammlungen, bei Vorträgen oder Informationsveranstaltungen das Wort, unterschrieben ein Bürgerbegehren, demonstrieren oder gründeten eine Initiative, von der wiederum verschiedene kreative Aktionen  ausgingen. Warum gingen? Weil das schon wieder vergangenheit ist. Das war vielleicht mal in den 80ern in Mode. Jetzt besteht z.B. der Verein für das Hs. 14 nur noch aus 4-5 Mitgliedern und der Eigentümer hat es an seinen Sohn übergeben. Man baut heute für billiges Geld lieber neu, als ein etwas langwierigeres Projekt zu beginnen, das nur Kapital bindet Alles verständlich.

Die Bandbreite für ein mögliches Engagement ist also recht groß. Es sage niemand, der Bürger habe keine Mitbestimmung, „die da oben“ machten sowieso, was sie wollen. Das ist ein gefährliches Vorurteil. Insofern ist die Denkmalpflege auch ein Lehrstück in Sachen Demokratie. Und es kam sogar schon mehrmals in Steinfurt vor, dass der Druck der öffentlichen Meinung ein Vorhaben der Verwaltung oder des Stadtrats gekippt hat. Andererseits wurden schon mehrere Planungen gegen den Willen der engagierten Bürger verwirklicht oder manche Planungen wurden gegen den Willen einer Bürgermehrheit nicht verwirklicht. z.B. sei an die Erhaltungsdebatte um die Villa Heimann erinnert.

Eine schlimme Sache geschah mit der Fällung der Friedenseiche, die von den Steinfurter Eltern gefallener oder verletzter Soldaten als ein Memento Mori 1872 gepflanzt wurde. Es war kein Zeichen für einen Hurra-Patriotismus zur Erinnerung an den Sieg bei Sedan, sondern eine als „ewig gedachte Mahnung“ gegen den Wahnsinn des Krieges.  Die Beseitigung dieses Mahn-Zeichens bedeutete auch das Ende dieses sinnvollen Konzeptes und kann nicht einfach so durch die Planzung eines jungen neuen Baumes ersetzt werden. Nicht einmal das Schild hat man abgenommen. Welche kindliche Naivität hat denn die Verantwortlichen geritten, die im Ungeist des vorrauseilenden Beamtengehorsams ohne Not die vorzeitige Fällung der großen Eiche veranlasst haben? Der Baum war im Kern gesund, aber die herbstlichen Blätter belästigten wohl einige einflußreiche Anlieger. Das war ein sehr undemokratischer Vorgang, wie er in der Denkmalpflege leider immer wieder vorkommt.

In diesem Zusammenhang muss betont werden, dass nach dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland bekanntlich eine rechtsstaatliche, repräsentative Demokratie existiert und keine direkte Demokratie, sodass nur in Ausnahmefällen die Mehrheit der Bürger in direkter Abstimmung über einen Spezialfall entscheiden kann. Die historischen Hintergründe wird man kennen. Auch ich bin ein überzeugter Verfechter der rechtsstaatlichen, repräsentativen Demokratie – ohne einzelne Volks- bzw. Bürgerentscheide ausschließen zu wollen, und zwar auf allen Ebenen, auch wenn ich mit vielen Entscheidungen, die am Ende verwirklicht oder nicht verwirklicht wurden, nicht einverstanden bin. Verantwortlich bleibt immer der Bürger, der bei einer (Kommunal-) Wahl seine Stimme abgibt und sich dann wundert, was die „Volksvertreter“ so alles damit anstellen.

Ein Problem besteht freilich darin, dass man „rechtsstaatliche, repräsentative Demokratie“ durch das Wort „kapitalistisch“ ergänzen müsste. Demokratisch-transparent wird nur über die öffentlichen Haushalte entschieden. Nein, nichtmal das. In Steinfurt sind bestimmte Ausgaben nach wie vor streng geheim wie im Kalten Krieg und nach dessen Regeln scheint man dann auch zu handeln. Eine genauso große, wenn nicht größere Macht übt jedoch das private Kapital aus bzw. das Kapital, über das halböffentliche Unternehmen, Kirchen, Stiftungen oder Konzerne verfügen, unter anderem auch die städtischen Tochterunternehmen oder die im neoliberalen Gesundheitsdienst zu unverdientem Vermögen gekommen sind. Wer eine sichere Anlage machen will, der flüchtet in Steinfurter Betongold.

Die privaten Banken, Unternehmen oder Konzerne investieren allein dort, wo sie es für richtig halten, sie werden nicht demokratisch kontrolliert, allenfalls ganz entfernt indirekt über die staatliche Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Dadurch entstehen im Bereich der Denkmalpflege die so genannten Investoren. Diese haben an Denkmälern bisweilen Interessen aus den verschiedensten Motiven heraus, die jedoch nicht immer denjenigen der Akteure 1-4 entsprechen. Manche sehen die Denkmäler als Immobilien, als Rendite-Objekte, manche aber auch als ganz persönliche Liebhaberei an. Die jeweiligen Motive haben natürlich großen Einfluss auf den Umgang damit .

Denkmal4Hoch interessant wird das neue „Quartier an der Stadtmauer“ am Europaring werden. Hier drängten die Investoren auf ein Bebauungskonzept. Eines, das der Denkmalstruktur gerecht geworden wäre, hätte man ja entwickeln können. Aber in Ermangelung irgendwelcher Entwicklungskonzepte, über kurzfristige Rentabilitätsberechnungen hinaus, wird nun am Denkmal2Europaring ein Konglomerat aus Bauwerken entstehen, das in seiner Unförmigkeit und Scheußlichkeit seinesgleichen sucht und das nächste Schulbeispiel dafür sein wird, wie es nicht sein sollte. Wer stellt denn in diese Gartenlandschaft so ein Monsterbauwerk? (Und davon soll es noch mehr geben, angeblich bis die Reihe links die AA erreicht.) Eine nach Satzung erforderliche Benachrichtigung der (Boden-) Denkmalbehörde hat es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gegeben und der Baugrund ist auch nicht nach Spuren der Stadtbefestigung rund um das Wassertor, was nämlich dort einmal stand, untersucht worden. Selbst wenn was gefunden wurde, dürfte evtl. längst „entsorgt“ sein.

Man frage sich, welchen Eindruck, bzw. welche Erwartungshaltung man bei solch einer Haltung beim Besucher der Altstadt wecken möchte. Alter Baubestand und romantische Winkel verspricht man, stellt aber solche monströsen Zweckbauten in seinen Vorgarten. Typische münsterländer Geschmacksverirrung. (nebenher: „Wissen Sie, was ein münsterländer Steingarten ist? Nein? Na klar, ein Garten mit Steinen, und nur aus Steinen, was denn sonst?)

Und wer hats genehmigt? – Die Verwaltung einer sogenannten konservativen Beschlussmehrheit, die aber gar nicht konservativ im Sinne ihres Parteiprogramms und des Denkmalschutzes war und ist. Die politisch konservativen Parteien pflegen eine Philosophie, an deren erster Stelle anscheinend nicht das Bewahren steht? Na gut, der Mensch, das Soziale sollte wohl auch das Wichtigste sein. Aber ist es wirklich sozial, den Steinfurtern, die ja nun einmal als „Erholungsort“ vom guten Ruf ihrer Innenstadt leben, den Altstadt-Vorgarten so zu versauen?

Muß man uns auch noch das wegnehmen, um kurzfristiger Profitinteressen willen?

Denn grundsätzlich muss man nach langen Jahren der Erfahrung feststellen: Überall dort, wo abgerissen wurde, um Geld zu machen, lag bald ein Fluch darüber, zum Beispiel über dem innerstädtischen K&K. Die Pleite kommt und die Zerstörung bleibt. Beispiele gibt es viele.

Die These, wonach ein Einzelhandelsgeschäft besser läuft, wenn sich direkt daneben Autoabstellplätze befinden, ist falsch. Das Bohmgartengelände zieht die Käufer aus der Innenstadt. Aber nein, es wird fleissig eweitert- oder umgebaut.

Was garnicht geht ist Flickschusterei wie in diesem Fall: Was wollte man hier eigentlich „bewahren“? Das sind Wände mit grobem Zementputz bestrichen und an den Stellen, worunter sich Holz befand, wieder freigekratzt. Grober Zementputz hat an alten Häusern überhaupt nichts zu suchen! FaxwerxsDaß auf der anderen Seite dieser „Verlegenheitslösung“ der Monsterbau entsteht, ist sicherlich wieder das Werk von Rainer Zufall gewesen oder für andere Lösungen „sind jemandem wieder die Hände gebunden“.

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Nochmals zurück zum Wesen eines Denkmals. Wenn nun eine bauliche oder andersartige Struktur als Denkmal definiert und kommuniziert wurde, stellt sich die Frage, wie damit umzugehen ist. Diese Frage stellt sich, wohlgemerkt, erst nach dem Definitionsvorgang! – Das ist zu betonen,

Denn viele, die über ein Denkmal entscheiden wollen, irren bei der richtigen Reihenfolge. Sie sagen etwa: Dieses oder jenes Denkmal ist nichts wert, als dass es sich „rentiert“  zu erhalten, für dieses Denkmal haben wir kein Geld, also ist es gar kein Denkmal. Umgekehrt ist es richtig: Zuerst muss man klären, ob es sich um ein Denkmal handelt. Danach kann es sein, dass finanzielle Engpässe oder besondere Abwägungen auftauchen, die den Erhalt problematisch erscheinen lassen.

Aber man darf nicht sagen: Wir haben kein Geld – deswegen ist dieses oder jenes für uns kein Denkmal! Oder: Die Restaurierung ist zu aufwändig – deswegen definieren wir das nicht als Denkmal. Oder: Wir wissen nicht, wie wir das nutzen sollen – deswegen ist das kein Denkmal. Oder das ist FFH oder Naturschutz-Gebiet, wir dürfen da nichts dran verändern. Oder man stellt sich sogar hin und eröffnet einen öffentlichen Architektenwettbewerb unter Zeugen mit den Worten: „Die Gestaltungssatzung lassen wir jetzt erstmal draussen vor, machen Sie nur ein paar nette Vorschläge.“ Was kann man dann noch erwrten? Von vielen Bürgern wird Hs. 14 in der Kirchstraße nicht (mehr) als Denkmal erkannt, weil es mittlerweile so heruntergekommen ist, daß der nächste Windstoß es zum Einsturz bringen wird. Nun, jedem ist klar, daß das ja auch so beabsichtigt ist. Der jetzige Eigentümer ist jedenfalls nicht mehr an einer verträglichen Lösung interessiert. Haus 14 wird übrigens sogar im Debio Kunstführer erwähnt*) Ausserdem sagt man, das sei ja kein „richtiges“ oder wirklich wichtiges bzw. wertvolles Denkmal. Deswegen sei der Verlust nicht so schlimm. „Weg mit dat Hüttken un wat niehet bauen!“ – Diese Vorstellung ist natürlich falsch. Wenn etwas ein Denkmal ist, dann ist es nun einmal so. Ob ich das Geld habe, es zu erhalten, ist eine ganz andere Frage. In diesem Fall wird auch deutlich, dass die Mehrheit sehr wohl irren kann.

Übrigens ist eine Nichtnutzung eine Nutzungsänderung und damit genehmigungspflichtig! Allgemein ist der ruinöse Zustand oder gar der Verfall eines Gebäudes natürlich kein Argument für die These, etwas sei kein Denkmal. Auch Ruinen, siehe Burgruinen, können Denkmäler sein, selbst wenn nur noch die Grundmauern vorhanden sind.

Kehren wir zum elementaren Wesen des Denkmals zurück, zum sichtbaren Zeichen. Früher setzten die Bauhandwerker und Angehörige der Steinmetzzunft ihr Zeichen auf die von ihnen behauhenen Steine. Heute erinnern diese Zeichen an den Handwerker, der diese Steine zum Wohl des Ganzen bearbeitete. Ein Zeichen ist unter anderem eine Vereinbarung, dass etwas Materielles eine Bedeutung bekomme, wie wir feststellten, es ist also abhängig vom Menschen. – Wer aber ist der Mensch?

Auch für die Frage nach dem Wesen des Menschen können wir wieder nur eine Arbeitsgrundlage formulieren. Dabei greife ich immer gern auf einen meiner Lieblingsphilosophen José Ortega y Gasset zurück, der einmal in Anlehnung an den heiligen Augustinus und dessen Definition des Schöpfergottes gesagt hat:

Der Mensch ist das, was er getan hat – das Wesen des Menschen ist seine Geschichte.

Daran gefällt mir besonders das dynamische und das personale Prinzip, das unter anderem bedeutet, dass das Sein des Menschen immer nicht abgeschlossen ist. Und dass der Mensch eine materielle, eine gesellschaftliche und eine seelisch-geistige Dimension hat, was dem Zeichen in etwa entspricht. – Freimaurer sagen „Setze deine Zeichen mit Bedacht. Sie sind die Spuren, die von dir bleiben.“

Geschichte beginnt spätestens mit der (Schrift-) Sprache; zum Satz „Der Mensch ist das, was er getan hat“ gehört also auch dem Satz „Das Wesen des Menschen ist seine (zuerst mündliche) Sprache“ und, im Sinne der Denkmalpflege noch umfassender: Das Wesen des Menschen ist repräsentiert in den von ihm hinterlassenen Zeichensystemen. Gerade die deutsche Kulturgeschichte ist durch die Sprache Luthers, Goethes und Schillers geprägt.

Wenn man dann im Bagno oder in unserer Altstadt die noch erhaltenen Reste ansieht, möchte man sagen: Das ist der Mensch. Das ist Geschichte. Das ist ein rechter Ort der Erholung vom täglichen Einerlei. Ein rein automatisch funktionierendes, berechnendes Wesen hätte für das Lebewesen Mensch rational immer die gleichen Wohnelemente, vielleicht in Wabenform, konstruiert. Oder solche Dinger wie die Appartmenthochhäuser an der spanischen Küste.

Hier in Steinfurt ist etwas ganz anderes, etwas Unregelmäßiges organisch gewachsen, und es ist so lange erhalten geblieben, weil die Menschen bis heute kein Geld dafür hatten um es abzureissen und was neues zu bauen,  Jetzt aber in der 0%-Zinsphase, wo Kreditkosten nicht mehr ins Gewicht fallen, gelangt die Bautätigkeit bis an die Grenze zur Unmässigkeit. Wer Geld hat, dem wirft die Bank noch mehr hinterher und ermöglicht so einen unkontrollierten Bauboom.

Der Wiener Schriftsteller Franz Schuh philosophiert in seinem neuesten Roman „Sämtliche Leidenschaften“ in einer Flusslandschaft, in einer Art Garten am Fluss über den Menschen: „Man muss etwas aus sich machen (das ist das Gesetz), es bleibt einem gar nichts anderes übrig, da hilft einem keiner, am Schluss ist man der Mensch gewesen, den man aus sich gemacht hat.“

Ich vermute – zusammen mit zahlreichen Anthropologen, unter denen es allerdings viele Theorien gibt –, dass der Mensch das Vorhandensein großer geistiger Mächte bzw. deren Bilder in seinem Inneren wahrnahm und diese darstellen und kommunizieren musste – um zu verhindern, dass sie ihn innerlich überwältigten und in den Wahnsinn trieben. Der Mensch sah sich gezwungen, zu reflektieren, seine Gedanken zu bedenken und wiederzugeben. Er presste seine Hände gegen Höhlenwände und übersprühte sie mit Farbe aus dem Mund, um sie darzustellen, er ritzte Muster in Felswände, um seine Träume wiederzugeben und zu verarbeiten, die er vielleicht als Botschaften höherer Mächte empfand, die er bannen wollte. Auch in Steinfurt war im Mittelalter das Einritzen in Steine aus verschiedensten Gründen üblich. (s.Spuren am Professorenhaus, in der Wasserstrasse.) Insofern ist Denkmalpflege der geradezu existenziell bedeutsame Versuch, menschliches Bewusstsein und Bewusstseinsstufen, also sein Menschsein zu bewahren.

Was haben die Menschen früher gedacht und empfunden? Was hat sie bewegt? Was hat sie zu ihren Taten und ihren Unterlassungen – zu ihrer geschichtlichen Rolle – veranlasst? Wir wissen es letztlich nicht mehr, wir können es höchstens rekonstruieren; mit Hilfe der Kunst, der Musik, der Literatur – und der Denkmalpflege. Wobei man betonen muss, dass alle künstlerischen / kulturellen Versuche anthropologisch und staatsrechtlich gesehen gleichwertig sind. Hier gibt es keine „Hochkultur“ im Unterschied zu einer „Subkultur“. Entweder etwas ist Kultur oder nicht. Rein rechtlich steht sogar der gescheiterte künstlerische Versuch unter dem Schutz des Gesetzes, wie ein anerkannter Grundgesetzkommentar besagt. Es ist daher nicht korrekt, wenn man verschiedene Versuche im Kulturbetrieb politisch gegeneinander ausspielen wollte. Wie gesagt, entweder ist etwas ein Denkmal oder nicht.

Baudenkmäler sind vielleicht für die Rekonstruktion des früheren menschlichen Bewusstseins am besten geeignet, weil sie fassbarer, sinnlich wahrnehmbar sind, im Unterschied zur sonstigen Kunst.geschichteistNur mit höchster archäologischer oder paläoanthropologischer Spekulationskraft können sich die Nachgeborenen aus materiellen Überbleibseln ein Versuchsbild erstellen davon, was die Ur-Ahnen eventuell dachten, glaubten, hofften und liebten. Niemand weiß es wirklich. Die steinernen Bildnisse sprechen nicht, sie bleiben stumm. Aber sie ergreifen die Seele, das Gemüt sensibler Zeitgenossen, die – ob staunend gläubig oder ungläubig – vor dem weiten Weg einer Schöpfung stehen, deren Woher im Nebel der Vergangenheit ebenso verschwindet wie der Nebel der Zukunft deren Wohin umhüllt. Das gilt für die zerstörten Denkmäler im Irak und Syrien ebenso, wie in Afghanistan, im Steinfurter Bagno oder in unserer Altstadt.

Ein wichtiger Hinderungsgrund für das objektive Verständnis früherer, auch primitiverer Bewusstseinsstufen sind die bisherigen, immer wieder wechselnden geistesgeschichtlichen Bewegungen, die unser jetziges Bewusstsein prägen und so den Blick für frühere Bewusstseinsstufen verstellen, insbesondere aber die Epoche der Romantik.

Seitdem sie stattgefunden hat, sehen wir alles – vor allem das Alte – gleichsam „durch die romantische Brille“. Wir können zwar versuchen, diese abzulegen, aber wieder vollkommen von aller romantisch-subjektiven Sichtweise absehen – das können wir nicht. Auch nicht mit Hilfe des sehr rationalen Methoden-Bestecks der Phänomenologie, mit ihrem Versuch der Ausschaltung alles Subjektiven. Gerade in der Denkmalpflege bzw. der „Denkmalkunde“ stoßen ein gewisser „Sachlichkeitswahn“ und die subjektiv-romantische Gefühlslage unserer Zeit auf interessante Weise aufeinander.

Wir sind nun einmal Subjekte, und die subjektive Sphäre unseres Bewusstseins ist seit der Epoche der Empfindsamkeit und der Romantik, also seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, von diesen Epochen geprägt worden. Aus früheren Bewusstseinszuständen sind wir wie aus dem Paradiesgarten vertrieben und können nicht wieder in diesen zurück – allein durch diese bildhafte Ausdrucksweise wird vieles klar.

Wenn wir unseren Bagno-Park sehen, drängen sich jedem unweigerlich romantische Bilder auf. Ebenso beim Anblick der Ruineninsel, einer alten Stauanlage, einer alten Mauer, der Wackelbrücke, der Konzertgalerie oder eines alten Forsthauses. Oft regt sich dann in uns das Bedürfnis, diese Situation als romantisch-sentimentale Anlage zu erhalten – egal, ob sie ursprünglich mittelalterlich, barock, klassizistisch, biedermeierlich, adelig, bürgerlich, historistisch oder neobarock gemeint war. Allgemein werden Phänomene des Alten oder der Natur vom Subjekt bevorzugt mit dem Romantischen verknüpft.

img_011Kultur sah bis ins 20. Jahrhundert so aus, dass es immer einen „ideologischen Überbau“ gab, ein „Gedankengebäude“, das eine Epoche prägte – ein übergeordnetes Zeichensystem, nach dem man sich orientierte. Das scheint spätestens seit 1989, seit dem Ende des alten Ost-West-Konflikts, nicht mehr zu existieren. Seither haben wir wohl eine „Multioptionsgesellschaft“. Demnach existieren durchaus noch diverse Orientierungen, Religionen, Ideologien, Weltanschauungen – aber nur als „Optionen“ auf einer Art „Weltanschauungsmarkt“, ohne diese gewachsene Verbindlichkeit der gemeinsamen Überzeugung einer ganzen Kulturepoche.

Einerseits sind wir froh darüber, dass dieses Zeitalter der vorherrschenden, oft abgrundtief unmenschlichen Ideologien zu Ende gegangen ist. Leider aber noch nicht überall und neuerdings wieder im Aufwind.

Die Utopien sind gescheitert, und das ist positiv. Wir haben, abgesehen vom Glauben, nun zwar keine „Letztbegründung“ mehr – aber wir leben im Alltag ganz gut auch ohne diese. Ein Großteil der Gesellschaft scheint wirtschaftlich einigermaßen oder gut gestellt, genießt die „Lebensart“, vor allem als beamteter Rentner mit Versorgungsanspruch in Steinfurt, der nichts weiter möchte als seine Ruhe.

Man fragt kaum nach letzten Hintergründen für Maßstäbe, nur selten nach den sozial Schwachen oder Flüchtlingen. Andererseits leiden an der fehlenden Orientierung, wie es scheint, Psyche, Gesundheit, Beziehungen, Kunst, Kultur, Ästhetik, Stadtplanung und auch die Denkmalpflege, der ja auch die letzten inhaltlich-ideologischen Maßstäbe fehlen.

Die Gesellschaft weiß nicht recht, wonach sie sich letztlich – allein schon ästhetisch – orientieren soll; wie sie restaurieren oder gar rekonstruieren soll und was überhaupt wertvoll ist, wertvoll in jeder Hinsicht. Wenn die Bedeutungssphäre unklar ist, verschwimmt auch der Wert eines Denkmals – siehe Bedeutung als Dimension des Zeichens. Außerdem ist die Kommunikation schon lange brüchig geworden – siehe die Kommunikationsdimension in der Denkmalpflege. „Wie denn auf dieser Welt keiner leicht den andern versteht“, bedauert wiederum Goethes Werther.

Wie soll dann kommuniziert werden, dass es sich bei diesem oder jenem Stück organischer oder nicht-organischer Materie um ein Zeichen oder Zeichensystem mit Bedeutung als Denkmal handeln soll, damit es vor weiteren Planungen geschützt werden kann? Wahrscheinlich werden in 300 Jahren unsere Ur-Ur-Enkel beim Anblick des QR-Codes am „Steinfurt-Brunnen“ frühere Besuche von Ausserirdischen vermuten. Techniken zum Auslesen der Punktcodes gibt es dann lange nicht mehr.

Für Steinfurt hat unser Archivar ein Werk begonnen, das gegen die oben angedeutete Kultur- und Kommunikationskrise selbst wie ein Anachronismus dasteht: Die Steinfurter Schätze.

Die erste Ausgabe führt die Leserinnen und Leser ins 18. Jahrhundert. Das Archivmagazin stellt hier einen echten Steinfurter Schatz aus der Feder des ehemaligen Burgsteinfurter Stadtpfarrers Heinrich Germanus Georg Iken vor: Die Archivalie enthält zwei handgezeichnete, kolorierte Abbildungen der Planetensysteme nach Kopernikus und Ptolemäus sowie die Trauerrede des Pfarrers zur Beisetzung des Burgsteinfurter Grafen Karl Paul Ernst. Diese Rede wurde buchstabengetreu transkribiert und kann mit dem Originaldokument anhand von Abbildungen verglichen werden. das ist eine wirkliche wissenschaftliche Arbeit. Denn ansonsten wird in der Wissenschaft, nicht nur in der Denkmalpflege, sondern allenthalben nur gesammelt, dokumentiert und digitalisiert, und irgendwelche Elemente werden in unserer „Gutachtergesellschaft“ in ein stumpfsinniges Ranking ohne höhere Bedeutung eingefügt. Die wahre Interpretation, die Klärung der geistigen Hintergründe, die Zuordnung zu einem Gedankengebäude oder gar wie im Bagno dargestellt, ins „Reich der Ideen“,  wie Platon sagen würde, gibt es nicht mehr. Über Kunstwerke, seien es Kunstdenkmäler, Gemälde, Skulpturen, Texte oder Musik, erfährt man nur noch Daten  und Äußerlichkeiten.

Wir sind in der Kulturgeschichte möglicherweise an einem Punkt angelangt, an dem die Bilder in unserem Bewusstsein zu verschwimmen drohen – wie die Gemälde von Gerhard Richter. Dargestelltes verschwimmt bei ihm oft irgendwo zwischen Gegenständlichem und Abstraktem, vieles ist inzwischen weich gezeichnet, unscharf, oberflächenbearbeitet, ungenau. Bilder, Sprachen, Zeichensysteme aller Art – Gesichter, Gebäude, die Natur – scheinen uns zu entgleiten. Selten sind Konturen einmal, wie bei Max Beckmann, in frühen Arbeiten schwarz umrandet, um sie gleichsam noch einmal krampfhaft festzuhalten.

Die Zeichensysteme, ursprünglich geschaffen, um unsere inneren Ahnungen von größeren Zusammenhängen, ja vom Jenseitigen auszudrücken, zu materialisieren und mitzuteilen, überschwemmen uns in der heutigen Medienwelt, reißen uns mit und trennen uns ab von der unmittelbaren Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wir sehen diese lange nicht mehr nur durch die Brille der Romantik, sondern überhaupt durch die vielen Brillen alles bisher Vermittelten. Und das digitale Zeitalter hat uns noch einmal eine Stufe über die Wirklichkeit hinausgehoben, noch einmal einen Schirm zwischen Bewusstsein und wirklicher Welt aufgestellt. Unfähig der Interpretation, haben wir doch wieder die Grenzen der Immanenz, wie der Theologe sagen würde, überschritten – aber in eine bedeutungsmäßige Leere hinein.

Schon die griechischen Philosophen haben uns von der sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit entfernt, indem sie diese erst bestaunten und dann bezweifelten. Das wahre Sein, so wurde seither immer wieder gesagt, sei nicht die sinnlich wahrnehmbare Welt, sondern das tiefer liegende Wesen der Dinge, die Welt der Ideen (Platon), die letzten Prinzipien (Aristoteles), der biblische Gott (Thomas von Aquin), oder eine wissenschaftlich erforschbare Gesetzmäßigkeit.

Woran sollen wir uns heute halten, woran sollen wir glauben? Naturwissenschaft, Technik, Industrialisierung und Digitalisierung (gerade erst etabliert) haben inzwischen an Glaubwürdigkeit eingebüßt. In der erwähnten Multioptionsgesellschaft glauben wir im Grunde an gar nichts mehr. Wenn ich allein heute eine gehobene Tageszeitung durchblättere, sehe ich in allen Ressorts Krisenberichte: über Krieg, Bestechung, Misswirtschaft, Doping, Missbrauch, Verrisse, Skandale usw. Der Philosoph Vittorio Hösle stellte unter anderem in einem Gutachten für das Kanzleramt die Krise einprägsam dar.

In dieser zeitgeschichtlichen Situation sind Denkmäler, insbesondere eine Denkmalstadt wie Steinfurt, von unschätzbarer Bedeutung:  Als „Garten des Menschlichen“ ermöglichen sie uns nichts weniger als Menschen zu bleiben. So etwas wie in einem nostalgischen Zustand.

Nach Milan Kundera bedeutet Nostalgie der unerfüllte Wunsch nach Rückkehr: „Rückkehr heißt im Griechischen nostos. Algos bedeutet Leiden. Nostalgie ist also das von dem unerfüllten Wunsch zurückzukehren verursachte Leiden.“

Nostalgie muss nicht grundsätzlich negativ sein. Manche Städte des Alten Europa werben sogar mit dieser Geistes- und Seelenlage. Wiens Tourismus zum Beispiel lebt größtenteils von den Erinnerungen an die 1918 untergegangene Donaumonarchie, und die melancholische Nostalgie wird vom Wiener Künstler André Heller geradezu kultiviert. Venedigs Stadtbild hat sich erfolgreich vielen modernen Veränderungen verschlossen und lebt der Erinnerung. Und auch ein Pariser Boulevard kann an einem angesprochenen Sonntagmorgen im Frühling farbenflimmernde impressionistische Gemälde früherer Tage vor unserem geistigen Auge erstehen lassen. In Burgsteinfurt hat man ein déja-vue-Erlebnis, man bewegt sich, auch wenn man vorher noch nie da war, in Vertrautem.

Man hat, wie bereits erwähnt, das untrügliche und immer wieder sich erfüllende Gefühl – und zwar der Einheimische genauso wie der Tourist – in Steinfurt könne man etwas entdecken; aber nicht „etwas Neues“, sondern ein Geheimnis aus der Vergangenheit – um dann Nostalgie zu empfinden. Wer „unbefangen“ durch den Bagno geht, kann dieses Gefühl nachempfinden. Es klingt wie eine Symphonie, man hört sich hinein und fühlt sich willkommen. Das ist Erholung pur:
Wenn man in Nostalgie schwimmen kann und man meint, man wäre schon immer hier gewesen.
Der Philosophiehistoriker Rémi Brague verknüpfte die Nostalgie untrennbar mit dem Bewusstsein Europas; denn „[…] Europa mußte mit dem Bewußtsein leben, von einer Quelle geliehen zu haben [der griechisch-antiken Kultur], ohne Hoffnung darauf, jemals zur Rückzahlung imstande zu sein […] Die europäische Kultur ist somit von einem Gefühl der Entfremdung und der Minderwertigkeit gegenüber seinem Ursprung geprägt; dies ruft eine Sehnsucht nach dem Ursprung, eine Nostalgie hervor.“ Daher sind Entfremdung und Nostalgie Schlüsselgefühle gerade des städtischen Lebens in Europa. Meine Vorstellungen gingen in Richtung einer kleinen Weltausstellung, einer Europa-Ausstellung im Bagno. Die gegenwärtige europäische Krise hat diesen Traum zunächst einmal zunichte gemacht. Trotzdem sollte man sich ein kindliches Gemüt bewahren und weiterhin an die guten Absichten bei den Steinfurter Volksvertretern und ihrer Beamtenschaft glauben.

Leider hat die Nostalgie in Steinfurt einen allzu bitteren Beigeschmack. Viele Bürger haben vor allem durch den Zweiten Weltkrieg und die Zwangsvereinigung der Gemeinden Borghorst und Burgsteinfurt zu einer Verwaltungs-Schimäre – Angst davor, dass ihnen die aus der Geschichte überkommenen Güter, nämlich die alte Bausubstanz und die gesamte Stadtlandschaft, auf unverantwortliche Weise entzogen werden soll, um sie gedankenlos kurzfristigen, wirtschaftlichen Interessen zu opfern. Und das wird auch noch laufend bestätigt. Die Auflösung der Bürgerkontaktstelle, der beabsichtigte Umzug des Stadtarchivs, die Vernachlässigung des Stadtmuseums und ähnlicher Sammlungen von Privatinitiativen, und immer wieder „alles nach Borghorst“ läßt eine Verschwörungstheorie nach der anderen Wirklichkeit werden.

Der Stemmerter erinnert sich gern. Er betrachtet gern seine Stadt. Er findet sie grundsätzlich schön, liebt sie und möchte diese Schönheit bewahren. Diese Tendenzen sind so stark, dass er zumindest im Moment noch über mehr oder weniger deutliche Beeinträchtigungen (Autoverkehr, planlose Zielplanung und ziellose Stadtplanung moderne Architektur und mangelnder Denkmalschutz) – mit manchen nostalgischen Schmerzen und Ängsten – hinwegsieht.
Träumereien aber müssen auch möglich sein, wie sie schon die Höhlenmenschen ausdrücken mussten, sie sind etwas zutiefst Menschliches – versteht das denn niemand?
Träumereien eines einsamen Spaziergängers wie bei Rousseau, bei Robert Schumann oder in den Nocturnes von Chopin. In der Literatur kommt das vor und im Steinfurter Musikleben in der Konzertgalerie; aber die materielle Dimension dieser Zeichen in Stein und Holz zerstört man ?

Manche Dinge muss man gerade im Denkmalbereich einfach nur leben und wie in einem Garten wachsen lassen. Menschen, die ins Grüne schauen, sollen schneller gesund werden und weniger Medikamente gegen Schmerzen benötigen.

Genau in dieser Art, in der Anlehnung an die Natur, hat sich von alters her auch die Architektur gebildet – nach dem Vorbild der Pflanzen. Die Gotik stellte Äste dar, die sich in einem Gewölbe einander zuneigen. Die Säulenkapitelle waren häufig Knospenkapitelle in Nachahmung pflanzlicher Formen. Nur, die heutige Architektur geht von der Natur entfremdete und entfremdende Wege. Dabei wäre sie, das organisch Wachsende, der allerletzte, für das Humanum verbliebene materielle Maßstab unserer Zeit.

 
Literaturhinweise:
(sie sind in Steinfurt sehr wichtig, sonst wird man erst garnicht ernst genommen!. Daher hier der Link auf eine besondere Seite. )
 *) gemeint ist aber wohl der Hewenshof  😉
 

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