Der Geist des Bagno lebt

Jean-Jacques Rousseau hat zu seiner Zeit den Ton der Aufklärung angeschlagen und den der Romantik vorbereitet. Goethe lernte bei ihm die Empfindsamkeit, an der sein Werther starb, Schiller die Poesie des Aufruhrs, Eichendorff die beseelte Anarchie des Müßiggangs. Und für Hölderlin war Rousseau der Adler, der dem Gewitter der Revolution vorausflog.

Unter einer Schicht poetischer Empörung entfaltete Rousseau den Bauplan einer Freiheit, die so noch nie existiert hatte und vielleicht auch nie existieren wird, nämlich die Idee einer transparenten Demokratie ohne Repräsentation: »Sobald ein Volk sich vertreten lässt, ist es nicht mehr frei.« »Volkssouveränität« hieß für Rousseau, ‘dass die Staatsgewalt nicht nur vom Volk ausgeht, sondern auch bei ihm bleiben muss’. Dieser Satz stammt sinngemäß auch von Johannes Althusius (1563 – 1638) einem calvinistischen Staatstheoretiker und Lehrer an der Hohen Schule in Burgsteinfurt.

Für Rousseau ist die Demokratie nur realisierbar in einer Gesellschaft, in der »jeder etwas hat und keiner zu viel, jeder von seiner Arbeit selbstverantwortlich lebt und die öffentliche Meinung nicht durch Privatinteressen gelenkt wird.«

Rousseau unternahm das Wagnis, konstruktiv zu träumen, und das war auch zu seiner Zeit aufrührerischer als alle Gesellschaftskritik. Seine Themen wie Liebe, Arbeit in Gemeinschaft; Autonomie durch Bildung; Freiheit durch Gleichheit – entworfen gegen falsche Souveränitäten, gegen Macht, Religion und Geld, bewegen uns heute mit größter Aktualität.

Die Erleuchtung, dass der Mensch »von Natur« auf Selbstbehauptung und Mitgefühl angelegt sei und alle Verdrehungen dieses »Naturzustandes« der Gesellschaft entstammen – sie erhellte sein Entfremdungsunglück und das der Gesellschaft mit demselben Blitz:

»Ich sah eine andere Welt und wurde ein anderer Mensch.«

Man kann diesen Schock heute erklären, aber nachfühlen kann man nur schwerlich, was die daraus folgende Erkenntnis in einer Burgsteinfurter Seele wie der von Graf Franz-Ludwig, welcher sich gegen Ende des 7-jährigen Krieges 1792 in Paris aufhielt und sich mit dem Philosophen damals traf, auslösen konnte. Beide waren nämlich ausgesprochen fromm. Nämlich:

„Dass nicht »der Mensch« von Natur aus sündhaft sei, sondern Bosheit, Gier und Selbstsucht allein durch das Zusammenleben entstehen.“ Dante hatte so ein Infero entworfen und wir sind gerade dabei, es in die Tat umzusetzen.

In den Salons brüskiert Rousseau die Menschen mit seiner Direktheit: »Sie sind mir zu reich«, sagte er, und verbittet sich Spott über die Religion. Die Freunde sind ratlos. Spielt er mit seinem freiwilligen Abstieg nur den Tugendbold, oder meint er es ernst? Seine Biografen rätseln bis heute, aber kann man das je wissen, bei großen Geistern und Performern?

Rousseau ist nicht der erste und nicht der letzte Paranoiker und Whistleblower, der wirklich verfolgt wird. Graf Ludwig hatte dieses Mitteilungsbedürfnis, daß mich auch antreibt, diese Ideen den Steinfurtern nahezubringen. Was verbindet uns heute noch mit den Burgsteinfurtern von 1798?

So wenig wie unsere finanzgetriebene, demokratische Erdumfangskultur, in der die Geldströme, die Eliten und die Künste autonom geworden sind und die Wissenschaftler nicht mehr träumen, uns mit dem 18. Jahrhundert verbindet. – Und so viel Unerledigtes bleibt! Ein Echo also?  Ein Impuls?

»Dadurch, dass sich die Zeiten geändert haben, sind die Menschen wie verwandelt. Das Menschengeschlecht des einen Zeitalters ist nicht das Menschengeschlecht eines anderen Zeitalters nur die Tätigkeiten und Theorien sind mehr geworden«, – »Und keine historischen Zitate bitte!« kann ich da nur sagen.

In einer Welt der Verfahrensdemokratie und der Elitenkartelle klingt das so kindlich wie das Wort »Volkssouveränität«. Etwas verstaubt aus unserem Stadtmuseum. Es wurde aber hier in Burgsteinfurt geboren und von einem Lehrer der Hohen Schule erstmalig formuliert. Da würde man ihm gönnen, daß eine Strasse nach ihm benannt würde. Schon gibt es Protest.

Rousseau nannte zwei Nötigungen für die Erneuerung: die Korrektur destruktiver Ungleichheiten oder die Erkenntnis einer großen gemeinsamen Notlage. Und dann gibt es Epochen, in denen beides zusammenkommt.

Der Geist der Aufklärung durchstreicht noch immer unseren Bagno. Er lebt noch, aber verlangt nach Befreiung. Ich lade Sie herzlich dazu ein, diesen Ideen zu begegnen und sich davon begeistern zu lassen.

Rainer Wiese

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